Rede beim Ostermarsch 6.3.2007 in Calw von Ulrich Duchrow

Tobias Pflüger hat in seiner Rede, seinem Engagement im Europaparlament und in seinen kritischen Veröffentlichungen die entscheidenden Dinge gesagt, die die wirtschaftlichen, militärischen und politischen Irrwege entlarven, auf denen sich die EU einschließlich Deutschland bewegen. Hinzuzufügen wäre nur noch, dass sich dieser verfassungswidrige Marsch Deutschlands im Kontext der USA und EU in neue imperiale Abenteuer bereits 1992 begonnen hat. Nach der vorangegangenen Änderung der Nato-Strategie legte der damalige Verteidigungsminister Rühe dem Verteidigungsausschuss ein Grundlagenpapier zur „Neugestaltung der Bundeswehr“ vor. Danach gehören zu den deutschen Sicherheitsinteressen u.a.:
- „Förderung und Absicherung weltweiter politischer, wirtschaftlicher, militärischer und ökologischer Stabilität
- Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des Zugangs zu strategischen Rohstoffen“.
Diese Wende von der im Grundgesetz vorgeschriebenen Beschränkung des Militärs auf Landesverteidigung zur weltweiten militärischen Interessenpolitik hat die deutsche Bevölkerung seither verschlafen. Damals protestierten nur wenige, darunter Pax Christi mit der Erklärung „Die Bundeswehr wird zum Sicherheitsrisiko“. Erst bei den Einsätzen der Bundeswehr gegen Jugoslawien und Afghanistan meldeten sich mehr kritische Stimmen zu Wort. Es ist höchste Zeit, dass die deutsche Bevölkerung aufwacht und wir alle dieser Entwicklung entschiedenen Widerstand entgegensetzen.

Nun haben sich die Veranstalter unseres Ostermarsches sicher etwas dabei gedacht, auch einen Theologen zu bitten, zu diesen skandalösen Entwicklungen zu sprechen. Denn außer der direkten militärischen und der strukturellen wirtschaftlichen Gewalt gegen Menschen und Erde gibt es immer und besonders heute auch die kulturelle und religiöse Gewalt. Sie ist vielleicht weniger sichtbar als die direkten und strukturellen Formen der Gewalt, aber nichtsdestoweniger wirksam. Denn sie konditionieren die Menschen, die ökonomische und militärische Interessenpolitik als scheinbar notwendig und „humanitär“ zu akzeptierenWir alle kennen die These des Pentagon-Ideologen Huntington vom „clash of civilisations“, dem „Kampf der Kulturen“. Danach ist die christliche Kultur in Gefahr, vom Islam und anderen Religionen angegriffen und überwunden zu werden. Nachdem der Kommunismus als Feindbild weggefallen war, brauchte der Westen ein neues, um seine ökonomischen Interessen aktiv militärisch durchsetzen, verschleiern und legitimieren zu können. Kein Machtsystem, besonders kein imperiales, kann ohne Legitimation auf Dauer bestehen. Deshalb legen die US-Eliten seit langem großes Gewicht auf das, was sie den „cultural war“ um „hearts and minds of the people“, den kulturellen Krieg um Herzen und Denken der Menschen nennen. Insbesondere die Medien, Schulen, Universitäten und Kirchen sind Ziel dieser ideologischen und psychologisch gut verpackten Offensiven. Diese haben in den USA selbst große Erfolge, wie man vor allem an den rechtsgerichteten religiösen Gruppierungen sieht. Einen wesentlichen Beitrag zur Wahl George W. Bushs jr. (wie schon Ronald Reagans) haben die fundamentalistischen Bataillone der Moral Majority, konservativer evangelikaler Telekirchen, und neo-pfingstlerischer Gruppen geleistet. Sie wachsen im Unterschied zu den historischen Kirchen – nicht nur in den USA, sondern auch in allen Kontinenten durch aggressive Mission.

Bush selbst sieht sich von Gott berufen, hält prayer breakfasts im Weißen Haus, pervertiert die Bibel zur Legitimierung seiner imperialen Aggressionskriege als Kreuzzüge. In Europa vollzieht sich das gleiche – nur in säkularisierter Form und darum weniger deutlich sichtbar.. Hier wird uns gesagt, wir verteidigen die westliche Kultur und ihre Werte wie Demokratie und Freiheit, besonders den freien Markt. Der Kapitalismus ist unsere Religion – jedenfalls was die Eliten betrifft. Aber auch die meisten einfachen Menschen haben seine Werte verinnerlicht und verhalten sich konkurrierend statt kooperativ und solidarisch. D.h. hier in Europa haben wir nicht so sehr die krasse Instrumentalisierung der Religion, sondern vielmehr eine versteckte und indirekte. So haben die meisten Kirchen in Europa – über andere Tendenzen werde ich gleich reden – bei der Abfassung der EU-Verfassung keine andere Sorge gehabt, als dass der Name Gottes in die Präambel kommt. Dies aber wäre einer Absegnung des neoliberalen und militaristischen Charakters der Verfassung gleichgekommen – also von biblisch-christlicher Theologie aus gesehen eine Blasphemie, eine Gotteslästerung.

Hierzulande reden wir zumeist nur vom islamistischen Fundamentalismus, der den Terrorismus legitimiert. Natürlich ist diese Perversion des Islam abzulehnen. Aber nur wenige sehen oder sagen laut, dass dieses Phänomen vor allem die provozierte pervertierte Antwort auf den westlichen wirtschaftlichen und militärischen Imperialismus ist. Und dieser geht einher mit nicht nur Markt- sondern auch Religionsfundamentalismus, der den Staatsterror der imperialistischen Kriege zur Unterstützung von Wirtschaftsinteressen legitimieren soll. In diesem Zusammenhang ist auch ausdrücklich Israel zu nennen. Die hebräische Bibel, die Christen das Alte oder Erste Testament nennen, verkündigt einen Gott auf der Seite der Armen und Fremden mit dem Ziel des sozialen und des Völkerfriedens, einen Gott der Gerechtigkeit und des Friedens, des Shalom. Der Staat Israel aber, mit Unterstützung des imperialen Westens, pervertiert diese Botschaft in den Anspruch, gegen alle UN-Resolutionen palästinensische und syrische Gebiete zu besetzen und weiter zu besiedeln und so durch diesen Staatsterror weiteren Gegenterror zu provozieren. Ohne hier auf die komplizierte Vorgeschichte und die ebenfalls damit zusammenhängende Libanon- und Iranfrage eingehen zu können, muss unser Ostermarsch, wie auch der Frankfurter Ostermarsch-Aufruf ausdrücklich „Initiativen für Verhandlungen ohne Vorbedingungen im Nahen und Mittleren Osten“ fordern. Darin hat die Kritik von pax christi Rottenburg-Stuttgart an unserem baden-württembergischen Aufruf recht.

Vor allem aber müssten die Kirchen in Europa zutiefst beunruhigt sein und dagegen Widerstand leisten, dass die jüdisch-christliche Tradition in den Augen der Völker identifizierbar wird mit Raub, Tod und völkerrechtswidrigen imperialen Kriegen und Unterdrückungen. Das ist klar für die weltweite ökumenische Bewegung. Schon in der Gründungsversammlung des ÖRK 1948 wurde festgestellt: „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“. Auf der Vollversammlung in Vancouver 1983, die den konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung des Schöpfung ins Leben rief, wurde deutlich gesagt, „dass zwischen der gegenwärtigen militärischen Aufrüstung und dem Wettrüsten einerseits und den Praktiken der ungerechten Weltwirtschaftsordnung andererseits ein wesentlicher Zusammenhang besteht“ (Bericht, S. 100) und dass vor allem „für die Kirche die Zeit gekommen ist, klar und deutlich zu erklären, dass sowohl die Herstellung und Stationierung als auch der Einsatz von Atomwaffen ein Verbrechen gegen die Menschheit darstellen“ (S. 102). Dies wäre heute umso lauter zu sagen, insofern die offiziell führbare atomare Präventivkriege androht.

2004 formulierte der Reformierte Weltbund (RWB) ein klares Bekenntnis gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeit, imperiale Gewalt und Naturzerstörung. Darin heißt es:
„Darum sagen wir Nein zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird.... Wir weisen jeden Anspruch auf ein wirtschaftliches, politisches und militärisches Imperium zurück“ (Art. 18).

Genau wegen dieser Verquickung von Wirtschaftsinteressen und imperialem Militarismus hat die letzte Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre 2006 beschlossen, in den kommenden Jahren den Prozess für eine Wirtschaft im Dienst des Lebens zur Überwindung der neoliberalen Globalisierung einerseits und die Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt andererseits zu verbinden. In allen Kontinenten soll auf die Verbindung von Gerechtigkeit und Frieden und schließlich auf eine große Weltversammlung im Jahr 2011 hingearbeitet werden. Die europäische Basisorganisation Kairos Europa hat dazu einen Leitfaden und das Ökumenische Netz in Deutschland (ÖNiD) ein Basispapier veröffentlicht. Beides soll dazu dienen, in den Kirchen in diese Richtung zu mobilisieren und Bündnisse mit sozialen und Friedensbewegungen zu schließen.

Sogar einige institutionelle Kirchen haben sich auf den Weg gemacht. In ihrer Frühjahrssynode am 16. März 2007 hat die hiesige Württembergische Landeskirche zwar leidervermieden, die EU-Verfassung und die ihr zugrunde liegende EU-Politik deutlich zu kritisieren. Sie forderte aber immerhin in einer Erklärung zur „Krisenprävention und gewaltfreien Konfliktregelung“ u.a. folgendes:
„Bei allen Konflikten treten Christen und Kirchen für die vorrangige Option der Gewaltfreiheit ein. Krisenprävention und zivile gewaltfreie und konstruktive Konfliktlösungen müssen gegenüber militärischen Einsätzen Priorität erhalten...
Wir greifen den Vorschlag der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), Kommission für Kirche und Gesellschaft, auf, bei der EU eine Europäische Agentur zur Friedensförderung einzurichten.
Wir setzen uns dafür ein, Friedensförderung und zivile Konfliktbearbeitung als primäres Element in der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsstrategie zu stärken.
Friedensförderung und zivile Konfliktbearbeitung sollten gemäß der vorrangigen Option für Gewaltfreiheit und Prävention finanziell nicht schlechter gestellt sein als militärische Sicherheits- und Verteidigungsaktivitäten.“

Wenn dies ernstgemeint ist und es sich nicht um eine schlampig formulierte naive Lächerlichkeit handelt, fordert die Kirche damit weltweit über 1 Billion Euro für die präventive Friedensarbeit. Denn so viel geht in die Rüstung. Schon mit weniger als der Hälfte könnte alle wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Ursachen für Konflikte beseitigt werden. Das zeigt den Wahnwitz des gegenwärtigen Systems.

Eine Methode, um die Kritik am Westen und an Israel abzuwehren, ist es, den Kritikern Antiamerikanismus und Antisemitismus vorzuwerfen. Da ist es nützlich, deutlich zu machen, dass wir uns in völliger Übereinstimmung mit den Friedensbewegungen in den USA und Israel befinden. Als Beispiel will ich Jim Wallis von Sojourners/Washington DC zitieren. Er zählt sich selber zu den „evangelicals“, aber eben zu jenen, die die Gerechtigkeits- und Friedensbotschaft der Bibel ernstnehmen und sich deshalb in der Friedensbewegung engagieren. Er sprach am diesjährigen Jahrestag des Beginns des Irakkriegs beim Eröffnungsgottesdienst in der Washington National Cathedral zum Auftakt der großen Friedensdemo vor dem Weißen Haus. Mit Bezug auf die Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder, die Opfer der Irakkriege der USA wurden, sagte er:
„This isn’t just political; it’s personal for millions of us now. And for all of us here tonight, the war in Iraq is actually more than personal – it has become a matter of faith.
By our deepest convictions about Christian standards and teaching, the war in Iraq was not just a well-intended mistake or only mismanaged. This war, from a Christian point of view, is morally wrong – and was from the very start. It cannot be justified with either the teaching of Jesus Christ or the criteria of St. Augustine’s just war. It simply doesn’t pass either test, and did not from its beginning. This war is not just an offense against the young Americans who have made the ultimate sacrifice or the Iraqis who have paid such a horrible price. This war is not only an offense to the poor at home and around the world who have paid the price of misdirected resources and priorities – this war is also an offense against God.
And so we are here tonight, very simply and resolutely, to begin to end the war in Iraq – not by anger, though we are angry; not just by politics, though it will take political courage; but by faith, because we are people of faith.
So let us march tonight, believing that faith is stronger than fear;

Let us march tonight, believing that hope is stronger than hate;

Let us march tonight, believing that perfect love can cast out both hate and fear.

And let us march tonight, believing that the peace of Christ is stronger than the ways of war;

Let us march tonight, to say to a nation still captive to fear but weary of war, "May the peace of Christ be with you!"

Let’s march tonight, as Dr. Martin Luther King told us in another magnificent house of worship 40 years ago this spring, to "rededicate ourselves to the long and bitter-but beautiful-struggle for a new world."”

Wir nennen diesen unseren Protest heute „Ostermarsch“. Er findet statt zwischen Karfreitag und Ostern. Kennen wir noch den ursprünglichen Sinn dieser Tage?
1. Karfreitag: Warum wurde Jesus ans Kreuz geschlagen und von wem? Wir müssen uns die Situation im damaligen Palästina so vorstellen wie die im Irak heute. Das römische Imperium hatte Palästina besetzt, um es wie viele andere Länder auszubeuten. Mit den Besatzern kollaborierten vor allem Jerusalemer Eliten. Überall im Land hatten sich während des ersten Jahrhunderts u.Z. jüdische Guerillagruppen gebildet und bekämpften die Römer mit Waffen und Sozialbanditen nach der Art Robin Hoods zwangen die Reichen zur Umverteilung. Gegen diese Aufständischen (und entlaufene Sklaven) setzten die Römer die Todesstrafe am Kreuz so wie heute den Galgen. Die Widerstandsform Jesu war die, die wir später von Gandhi und Martin Luther King kennen: die gewaltfreie direkte Aktion und zivilen Ungehorsam, weil er nicht die gleichen Waffen wie das Imperium einsetzen wollte, um die Alternative zur Gewalt des Imperiums schon in den Mitteln des Kampfes deutlich zu machen. Trotzdem wurde auch er zwischen zwei Sozialbanditen gekreuzigt. Das Imperium wusste: seine Befreiung von Menschen zum Widerstand und zu solidarischen Alternativen war gefährlicher als Waffen.

2. Die Erfahrung von Ostern hieß: Die Gewalt des Imperiums hat nicht das letzte Wort. Ermordete Rebellen stehen wieder auf. Die frühen Christen fingen einfach an, anders zu leben und viele Menschen schlossen sich an – bis schließlich das Römische Reich zusammenbrach. So wie Erzbischof Oscar Romero sagte, bevor er erschossen wurde: „Auch wenn sie mich ermorden, werde ich im Volk wieder auferstehen“. Das Imperium hat tönerne Füße. Es zerstört sich selbst, und wenn immer mehr Menschen nach dem Vorbild der Märtyrer aufstehen, hat es keine Chance. Darum gab es im Mittelalter während der Osterliturgie das Osterlachen. Man lachte den Teufel aus, weil er Jesus nicht im Grab festhalten konnte. Auch wenn der Weg zu der anderen Welt des Friedens und der Solidarität noch länger dauert, Ostern kann uns zu Hartnäckigkeit und Hoffnung inspirieren. Darum lasst uns schon jetzt das Imperium auslachen.
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