Fight the game!

Dokumentiert: Die Rede des Vertreters der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. auf der Kundgebung zum 77. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg in Tübingen am 8. Mai 2022:

Don‘t fight the players, fight the game!
Als Antifaschist*innen sollten wir uns eigentlich einig sein, dass der Nationalsozialismus sich nicht alleine oder primär durch die Person Adolf Hitlers erklären lässt. Voran ging eine geopolitische Konstellation, eine Phase verstärkter imperialistischer Auseinandersetzungen, eine Weltwirtschaftskrise, eine Polarisierung der Gesellschaften. Voran ging auch eine Phase rasanten technologisch-wissenschaftlichen Fortschritts, der eine tiefgreifende Änderung der konkreten Lebensumstände der Bevölkerung mit sich brachte und Allmachtphantasien der Naturbeherrschung hervorbrachte. Man denke an die Vorstellung von Herrenmenschen, die Eugenik oder die kontrollierte Spaltung des Atoms, an der 30 Kilometer von hier, in Haigerloch, noch in den letzten Kriegstagen Werner Heisenberg und sein Team im Auftrag des Waffenamt des Heeres arbeiteten. Der Nationalsozialismus hatte Millionen begeisterte und überzeugte Anhänger*innen, der eliminatorische Antisemitismus wurde von breiten gesellschaftlichen Schichten getragen, der Holocaust hatte hunderttausende willige Vollstrecker.

Don‘t fight the players, fight the game!
Wir sollten nun nicht den Fehler machen, die Situation in der Ukraine nur durch die Person Putins verstehen zu wollen. Viele Männer – es waren tatsächlich allesamt Männer – haben mir in den vergangenen Wochen versucht, die Persönlichkeit Putins – quasi per psychologischer Ferndiagnose – darzulegen und den schrecklichen Krieg in der Ukraine alleine oder zumindest primär durch diese Persönlichkeit zu begründen. Ich finde das unterkomplex, gefährlich unterkomplex. Indem Putin zum absolut Bösen, zum alleine Schuldigen erklärt wird, erscheint jedes Mittel recht, ihn zu stoppen. Das entspricht ziemlich genau der herrschenden Meinung im Sinne der Meinung der in Deutschland Herrschenden. Und es scheint zu rechtfertigen, Waffen in die Ukraine zu schicken, damit junge Männer, teilweise zum Dienst an der Waffe gezwungen, das Böse bekämpfen und damit unsere Freiheit verteidigen. Liebe Freundinnen und Freunde, wir dürfen uns nicht solch simplen, unterkomplexen Erklärungsmodellen hingegeben, uns von ihnen nicht dazu verführen lassen, unsere Prinzipien aufzugeben und uns hinter „unsere“ Regierung und ihren Aufrüstungskurs, uns letztlich hinter „unsere“ Rüstungsindustrie und „unser“ Kapital stellen. Es hat ja auch nicht gereicht, vier Jahre lang über Donald Trump zu schimpfen, zu hoffen, dass er entmachtet wird und sich dann zu freuen, dass er knapp abgewählt wurde. Viel wichtiger ist doch die Frage, welches System, welche Ökonomie und welche Dynamiken solch einen Menschen an die Spitze des mächtigsten Staates der Welt und solche Menschen überall auf der Welt an die Spitze, zumindest aber in sehr mächtige Positionen bringen. Liebe Leute, ein Teil des Problems besteht dabei m.M.n. darin, soziale Kämpfe und Proteste zunächst den Rechten zu überlassen und dann als rechtsextrem bzw. rechtextrem unterwandert zu diffamieren oder zu bekämpfen.

Don‘t be a player, fight the game!
Als Antifaschist*innen darf es im Ukraine-Krieg m.M.n. keine Parteinahme für eine der kriegführenden Seiten geben. Ich glaube durchaus, dass auch die russische Führung und Gesellschaft faschistoide Tendenzen aufweisen und ich weiß, dass es Antifaschist*innen in diesem Land sehr, sehr schwer haben. Aber auf der ukrainischen Seite kämpfen erklärte Neo-Nazis, sie unterhalten eigene Verbände und haben geschworen, bis zum letzten Tropfen Blut zu kämpfen. Sie inszenieren sich als Helden und gefährden damit doch das Leben der Zivilbevölkerung. Der Kitt, der diesen Widerspruch vermeintlich aufhebt, ist ein Nationalismus, der die Nation über das eigene Leben stellt. Er hat im Krieg häufig Konjunktur und in vielen Kriegen der letzten Jahre und Jahrzehnte mussten wir erleben, wie er die Menschen oft noch Jahrzehnte nach dem Friedensschluss spaltet und schädigt.

Don‘t be a player, fight the game!
Der Nationalismus schwenkt häufig die Fahne der Freiheit und auch hierzulande wird die ukrainische Nation als Schlachtfeld portraitiert, auf der die Freiheit – unser aller Freiheit – verteidigt werde. In der Ukraine herrscht seit acht Jahren ein Bürgerkrieg, das Land wurde extrem hochgerüstet – offenbar, sonst könnte es sich jetzt nicht so gut verteidigen – Männer werden zum Kriegsdienst eingezogen und als Beschützer der Nation inszeniert. Oppositionelle Parteien wurden verboten und Journalist*innen verfolgt, vermeintliche Kollaborateure mit Russland werden festgenommen und tauchen nie wieder auf. In vielen Punkten ist dies vielleicht immer noch besser, als der Zustand der russischen „Demokratie“ - aber es ist nicht die Freiheit, die ich mir vorstelle.

Fight the game!
Den Krieg, das blutige Spiel, kann man oft besser verstehen, wenn man nicht mitspielt, nicht Partei darin ist. In vielen Ländern der Welt blickt man mit Schrecken auf den russischen Angriffskrieg und die Schützenhilfe der NATO für die Ukraine. Viele Regierungen im globalen Süden verurteilen – wie wir – den russischen Einmarsch und die Sanktionen und Waffenlieferungen der NATO. Sie befürchten, dass sich die bereits entfaltenden Hungerkrisen noch weiter verstärken, wenn sich der Krieg in der Ukraine als anhaltender Abnutzungskrieg fortsetzt – wie es Teile der US-Administration ja relativ offen anstreben. Sie haben auch Angst vor einer nuklearen Eskalation. Sie erinnern sich, wie Saddam Hussein vor laufenden Kameras gehängt, die Leiche Osama bin Ladens über dem indischen Ozean ins Meer geworfen und Gaddafi zu Tode gefoltert wurde. Sie sehen die Verwüstungen, die NATO und USA in Afghanistan, Irak und Libyen hinterlassen haben. Und sie wissen, das Putin, anders als Hussein, die Taliban und Gaddafi, über Atomwaffen verfügt. Sie denken den Krieg – ähnlich übrigens wie einige abtrünnige Militärs auch in Deutschland, der EU und den USA – vom Ende her. Und das könnte schrecklich sein. Sie fordern sofortige Initiativen zu einem Waffenstillstand und sobald wie möglich Friedensverhandlungen. Dieser Forderung sollten wir uns anschließen: Für die Freiheit und das Leben!

Zum Weiterlesen:

https://www.imi-online.de/2022/04/27/sonderseite-ukraine-krieg/

https://www.imi-online.de/2022/04/26/drohnen-im-ukraine-krieg/
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Friedensplenum/ Antikriegsbündnis Tübingen e.V.

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